Psychopharmaka

Psyche – eine griechische Göttin mit Launen

Das Wort Psyche kommt aus dem Griechischen und wird mit der Seele gleichgesetzt. In der Psychologie umschreibt man damit das komplexe psychisch-geistige (Er-)Leben des Menschen. Unser psychisches Erleben ist kein starres System, sondern ist auf vielfache Weise beeinflussbar. Wir erleben dies Tag für Tag im positiven wie im negativen Sinn. Was uns dabei wie beeinflusst ist nicht zwingend vorhersehbar und ist bei jedem Mensch individuell verschieden. Für den einen ist ein sonniger Tag wie eine Batterie, die ihn auflädt, für den anderen sind alle Tage nur trist und grau, wenn er sie alleine verbringt. Den einen bringt eine Tasse Kaffee so richtig in Schwung, der andere kann vor lauter Herzflattern nicht schlafen, wenn er nur eine Tasse Kaffee zu viel getrunken hat.
Schon früh war bekannt, dass viele in der Natur vorkommende Mittel eine Wirkung auf Körper und Geist haben. In vielen Kulturen gehörten sogenannte psychotrope Substanzen zum Alltag. Diese psychoaktiven Mittel beeinflussen das Bewusstsein und die Wahrnehmung der Umwelt. und damit die Psyche. Die Bandbreite der Gefühle reicht dabei von inspirierend angenehm bis hin zu beängstigend unangenehm. Die Bandbreite reicht ebenso von leichter Wirkung wie bei Kaffee und Nikotin bis hin zu persönlichkeitsveränderten Drogen mit bleibenden Schäden bei dauerhafter Einnahme. All dieses Wissen ist ohne Wissen um die Details der Wirkung und der langfristigen folgen als Erfahrungswissen bereits bei den Urvölkern bekannt gewesen. „Psychopharmaka“ in diesem Sinne von beruhigend über enthemmend bis zu schmerzlindernd sind also keine Erfindung der Neuzeit.
Dennoch der Weg zu modernen Psychopharmaka war noch weit. Dem stand zunächst auch die mittelalterliche Vorstellung im Wege, dass psychische Beeinträchtigungen und Störungen keine Krankheiten sind, sondern durch Dämonen hervorgerufen werden. Erst im 16. Jahrhundert bahnte sich die Erkenntnis des deutschen Arztes Johann Weyer, dass der menschliche Geist genau so von Krankheiten befallen werden kann wie der Körper, ihren Weg zu einem modernen Verständnis. Philippe Pinel (1745-1826) sprach von psychischen Störungen als Ausdruck einer enormen psychischen Last.

Geschichte der Psychopharmaka

Heute sehr zweifelhafte Therapien beispielsweise sedierende Maßnahmen wie heiße Bäder, stundenlanges Stehen in der Kälte, Isolation in der „Gummizelle“ gab es schon lange. Auch beruhigende und schlaffördernde pflanzliche Mittel wurden eingesetzt. Beruhigung allein, das war schnell klar, erleichterte zwar die Unterbringung psychisch Kranker oder den Verbleib in ihrer Familie – eine Hilfe für den Erkrankten waren sie jedoch nicht. Vor allem bei Patienten mit Psychosen reicht eine Beruhigung nicht aus. Hier ist eine gezielte antipsychotische Wirkung dringend erforderlich.
Die eigentliche Geschichte der Psychopharmaka im modernen Sinn begann jedoch erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die ersten chemisch entwickelten Wirkstoffe kamen nun zum Einsatz. Mit Megaphen kam 1953 in Deutschland ein Medikament auf den Markt, das schon bald zur Behandlung schizophrener und manischer Patienten eingesetzt wurde. Megaphen, das erste Neuroleptikum war das erste synthetisch hergestellte Psychopharmakon. Seine Bedeutung ist heute nur noch unter historischen Gesichtspunkten erwähnenswert. Die Entwicklung auf dem Pharmamarkt schritt seitdem rasant voran und führte zu immer besseren Wirkstoffen.
Die antidepressive Wirkung des heute noch eingesetzten Wirkstoffs Imipramin wurde 1957 entdeckt. Es wird auch heute noch zur Behandlung von Depressionen verwendet.
Der Einsatz von Psychopharmaka fand jedoch nicht nur positive Stimmen. Da die ersten Psychopharmaka häufig mehr Nebenwirkungen als Wirkungen hatten, die Patienten zwar ruhig gestellt, aber auch lethargisch waren, führten die Kritiker „den Raub der Persönlichkeit“ oft als schlagkräftiges Argument an.

Die Psychopharmaka Einteilung und Wirkung

Im Bereich der Psychopharmaka unterscheidet man folgende Arzneimittelgruppen.

  • Antidepressiva
  • Neuroleptika
  • Tranquilizer
  • Antidementiva und Nootropika
  • Antiepileptika
  • Phasenprophylaktika
  • Neuropsychopharmaka wie Parkinsonmittel
  • Anti-Craving-Substanzen

Antidepressiva

Antidepressiva verursachen nicht nur eine stimmungsaufhellende und antriebssteigernde Wirkung, sondern sind zudem angstlösende. Sie werden daher sowohl bei Depressionen, als auch bei Angstzuständen und Zwangsstörungen eingesetzt. Ihre Wirkung erfolgt über eine Erhöhung der Konzentration biogener Amine wie zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin an den zentralen Synapsen des ZNS (Zentrales Nervensystem). Enzymhemmer verhindern den zu schnellen Abbau dieser Enzyme. Monoaminooxidase-Hemmer, auch MAO-hemmer genannt, sind die bekanntesten Enzymhemmer.
Die Einteilung der Antidepressiva erfolgt je nach ihrer Wirkung in folgende Gruppen:
- Trizyklische Antidepressiva
- Selektive Serotonin-Rezeptoren-Inhibitoren
- Noradrenerge und serotonerge Antidepressiva
- Enzym-Inhibitoren
- MAO-Hemmer
- Phytopharmaka wie zum Beispiel Johanniskraut.

Neuroleptika

Neuroleptika - sind Arzneimittel, die - je nach Wirkstoff - entweder antipsychotisch oder sedierend, d. h. beruhigend oder dämpfend wirken.
Die Einteilung der Neuroleptika erfolgt entweder über die Wirkstoffgruppe oder aber über die Wirkstärke.
Niederpotente Neuroleptika werden bei Unruhe-, Angst- und Erregunszuständen eingesetzt. Bei Psychosen werden hochpotente Neuroleptika eingesetzt.
Klassiker unter den Neuroleptika sind Trizyklische Neuroleptika wie Chlorpromazin oder Benzamide wie Sulpirid. Zur neuen Neuroleptika-Generation gehören chemische Stoffe wie Olanzapin, Risperidon oder auch Amisulprid.
Um die richtige Einstellung mit dem Medikament zu gewährleisten ist eine gute Kooperation Arzt-Patient erforderlich. Die richtige Dosierung und der richtige Wirkstoff findet sich in er regel nicht auf Anhieb. Nebenwirkungen wie sogenannte Frühdyskinesien, d.h. Bewegungsstörungen am Behandlunsanfang können die Lebensqualität zum Beispiel auch die Fahrtüchtigkeit beeinflussen.
Neuroleptika können als Spätfolge eine Parkinson-Krankheit (Schüttellähmung) bedingen

Tranquillizer

Tranquillizer ranchieren häufig unter dem verharmlosenden Begriff „Schlafmittel“. Es handelt sich jedoch um sogenannte Anxiolytika zur Behandlung von Angst- und Spannungszuständen.
Im wesentlichen umfassen sie zwei pharmakologische Gruppen.
Dies sind zum einen die Benzodiazepine sowie die neuen Substanzen Zolpidem und Zopiclon und zum anderen die Barbiturate und ähnlich wirkende Beruhigungsmittel bzw. Hypnotika wie Chloralhydrat oder Methaqualon.
Nebenwirkungen wie verminderte geistige Leistungsfähigkeit, Müdigkeit und Einschlafneigung sowie Ataxie mit erhöhter Sturzgefahr machen eine strikte Nutzen-Risiko-Abwägung unabdingbar. Grundsätzlich sollte wegen der hohen Abhängigkeitsgefahr die Anwendung auf etwa drei Monate beschränkt werden.
Wenn von der Abhängigkeit von Psychopharmaka gesprochen wird, spricht man in der Rregel von dieser Gruppe. Viele andere Psychopharmaka führen zu keiner Abhängigkeit. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht erhebliche Nebenwirkungen haben.

Nootropika

Diese recht neue Bezeichnung umschreibt eine Gruppe von chemischen Stoffen, die den Verstand und das Gedächtnis günstig beeinflussen. Bekanntestes Beispiel sind wohl die sogenannten Antidementiva zur Steigerung der Gedächnisleistung. Bekanntester Vertreter ist Ginkgo.
Da Demenzerkrankungen auf Grund der langen Lebenserwartung zunehmen werden, entwickelt sich hier eine ernstzunehmende Problematik. Gerade in der Pflege dementer Patienten nehmen auch chemisch definierte Antidementiva eine immer größere Rolle ein. Darunter zum Beispiel: Cinnarizin, Nimodipin, Dihydroergotoxin, Nicergolin, Piracetam, Naftidrofuryl, und viele andere. Auch Risperidon wird hier vor allem bei aggressiven Verhalten eingesetzt.
Nootropika sollen das Zentralnervensystem stimulieren und dadurch die Gedächtnisleistung erhöhen. Ihre Wirkung ist noch umstritten.

Antiepileptika

Die medikamentöse Therapie bei Epilepsie besteht in erster Linie in einer Verhinderung der Anfälle.
Bei jedem Anfall kommt es zu einer Erregung von zentralen Neurone. Die Krampfschwelle wird dauerhaft erniedrigt. Die wichtigsten Antiepileptika sind neben den Bezodiazepinen Carbamazepin, Ethosuximid, Felbamat, Gabapentin, Lamotrigin, Levetiracetam,Topiramat,Valproinsäure/Valproate und einige mehr.

Phasenprophylaktika

Ein Phasenprophylaktikum ist wie der Name schon verdeutlicht dazu da das Ausbrechen einer Krankheitsphase zu verhindern. Ein Klassiker hierfür sind Lithiumpräparate, die bei bipolaren Störungen, den Ausbruch der sogenannten affektiven Phase verhindern. Neben Lithium kommen Carbamazepin, Lamotrigin und Valproinsäure zum Einsatz. Auch für Pgasenprophylaktika gilt: sie können die Kkrankheit nicht heilen, sondern lediglich die Lebensqualität erhöhen, indem sie den Ausbruch der Krankheitssphase hinauszögern und damit auch reduzieren.

Parkinsonmittel

Parkinson ist eine Erkrankung, die durch Störungen im Gehirn teilweise zu Bewegungshemmung, teilweise auch zu ungewollten Bewegungen führt. Muskelstarre und -zittern, zunehmende Bewegungsarmut bis hin zu Bewegungslosigkeit sind die Folgen.
Ursache ist die Zerstörung bestimmte Zellen im Gehirn, die Dopamin produzieren. Und hier setzt auch die medikamentöse Therapie an.

L-Dopa (Levodopa) ist die Vorläufersubstanz von Dopamin Sie wird an den Nerven zum eigentlichen Wirkstoff Dopamin umgewandelt.
Allerdings schwächt sich die Wirkung bei L-Dopa-Gabe allmählich ab. Bei regelmäßiger Einnahme gewöhnt sich der Körper an das Medikament.
Dopamin-Agonisten imitieren die Wirkart des Dopamins an den Nervenzellen. Typische Vertreter sind Bromocriptin, Lisurid, Pergolid, Cabergolin und Dihydroergocriptin. Ropirinol und Pramipexol. Ein schnell-wirksamer und damit kurzfristig einsetztbarer Vetreter ist Apomorphin. Die Wirkung verschwindet jedoch rasch wieder, weswegen das Mittel nur bei kurzen Episoden eingesetzt wird.
COMT-Hemmern (Catechol-O-Methyltransferase) wie Entacapon und Tolcapon vermindern den L-Dopa Abbau. Gleiches gilt für die MAO-B-Hemmer wie Selegilin und Rasagilin.
Anticholinergika dagegen schwächen die Wirkung von Acetylcholin, das im Gehirn eine dem Dopamin entgegengesetzte Wirkung aufweist, ab. Es steht mehr Dopamin zur Verfügung.
Die Wirkweise von Amantadinen ist noch nicht vollständig aufgeklärt.
In der Regel sollen und müssen die verschiedenen Parkinson-Medikamente miteinander kombiniert werden.

Anticraving-Substanzen

Zum Abschluss sei noch eine neue Psychopharmaka-Gruppe genannt, die unter dem Begriff „Anticraving“-Substanz auftaucht. Craving bedeutet Verlangen bzw. Begierde und soll die Sucht nach der Droge zum Ausdruck bringen. Anti-Craving-Mittel dienen der Alkokol-Rückfallprophylaxe. Bekanntestes Beispiel ist Campral (Acamprosat) welches die Abstinenzquote um cirka 50 - 60% im Vergleich zu 20 - 30% erhöht. Campral soll kein Ersatz für psychosoziale Therapie sein, sondern eine unterstützende Ergänzung.

Nutzen und Risiken

Nutzen und Risiken-Abwägungen bei der Verabreichung von Psychopharmaka sind sehr kompliziert und nicht zu verallgemeinern. Bei noch sehr jungen Menschen steht das Abhängigkeitsrisiko und die Risiken von Nebenwirkungen bei langer Verabreichung im Vordergrund. Bei älteren Menschen kommen häufig viele andere Krankheiten hinzu, die ebenfalls behandelt werden und zu Interaktionen führen können, die nur schwer kalkulierbar sind. Wegen der vielen Nebenwirkungen mangelt es oft an der Compliance. Das bedeutet der Arzt verschreibt das Medikament, der Patient nimmt es aber nicht oder ändert eigenmächtig die Dosis. Viele psychische Erkrankungen verursachen zudem das Problem von Unzuverlässigkeit, häufiger Arzt und Therapeuten Wechsel.

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